Montag, 12. Oktober 2015

~11~ Zurück ins Jahr 2006

Bist du bereit für einen Ausflug in das Jahr 2006? 
Deine Zeitmaschine erwartet dich. Du packst deinen Rucksack mit allen überlebenswichtigen Dingen (z.B. Micky-Mouse T-shirt) und sitzt dich in die Zeitmaschine. Du drückst den roten Knopf und boombadaboom los geht das Abenteuer:

Du bist 9 Jahre alt. Du gehst in die 3. Klasse – Jungs sind doof, denn sie machen nur Krach und prügeln sich. Deine Welt dreht sich um die „Winx“, Pferde, „W.i.t.c.h.“ und…Pferde. Dein Kater „pattes blanches“ ist dein ständiger Begleiter, ob auf der Straße oder im Bett. Heute ist Freitag und du hast eine Freundin eingeladen: Eine deutsche Freiwillige aus deiner Schule, welche übernachten wird. Du führst sie durch dein Quatier, zeigst ihr den Laden deiner Mutter, einen coolen Spielplatz und einen Kletterbaum. Zuhause stellst du die ultimative Frage: „As-tu envie de jouer Doudou avec moi?“ („Hast du Lust mit den Kuscheltieren zu spielen?“) Rasch sind die Doudous aufgeteilt und ihr macht euch daran, die Häuser und Läden aufzubauen. Wenig später hast du die geniale Idee, das Spiel nach draußen zu verlegen – Straßenkreide und kleine Doudous einpacken und schon kann es losgehen. Auch hier gilt wieder, Häuser aufzubauen, dieses Mal werden sie mit der Kreide auf den Boden gezeichnet. Zurück in der Wohnung (Wieso ist der Freiwilligen immer so kalt?) machen wir sablimages, Bilder mit buntem Sand – natürlich ist die Freiwillige total begeistert und erinnert sich an die Zeit von „Malen nach Zahlen“. Die nächste Idee bahnt sich an: Auf Plaketten werden eure Namen geschrieben, gleichzeitig sammelt ihr Äste und bindet sie zusammen. Das Ganze wird dann mit auf den Kletterbaum genommen („Warum ist die Deutsche so langsam? Ich werde sie trainieren, indem ich sie immer hoch und runter schicke…“) und platziert. Nun warten wir auf maman, um ihr zu zeigen, was wir konstruiert haben – natürlich ist sie begeistert, was auch sonst? Während sie das Abendessen vorbereitet, schauen wir meine Lieblingssendungen auf Disney Channel: „Violetta“ und „Chica Vampiro“! Ich spüre die Überzeugung der Freiwilligen, als sie sagt, dass die Sendungen ihr gefallen – oder ist sie nur eine unglaublich begnadete Schauspielerin? (Die Antwort erschließt sich, wenn man den Trailer für „Chica Vampiro“ anschaut). Währenddessen wird gesnackt – das Abendessen, das uns Mama dann serviert, schmeckt mir nicht so, aber die Freiwillige bittet sogar um Nachschlag (die Deutschen halt). Nach einer weiteren Runde Doudou spielen, schauen wir „Das Dschungelbuch“, wechseln aber nach kurzer Zeit über zu „Das Königreich der Katzen“, welches die Freiwillige dank ihrer besten Freundin schon kennt. Um 23h ist der Film vorbei und Müdigkeit breitet sich aus...es ist Zeit, ins Bett zu gehen. Dort wird allerdings nicht gequatscht, denn maman hat die Türe einen Spalt offen gelassen, um sicherzustellen, dass wir brav schlafen. Gekichert wird allerdings trotzdem, als sich pattes blanches auf dem Bett der Freiwilligen breit macht und sich kraulen lässt.

Unsanft werden wir durch meine digitale Armbanduhr geweckt (Wie stellt man den Alarm aus???) und stehen auf – maman gibt der Freiwilligen noch Anweisungen, aber die Freiwillige checkt nicht alles und fragt noch gefühlte tausend Mal nach, um sich zu vergewissern, dass sie nichts falsch macht. Wichtigste Anweisung: Kein Fernsehen für mich! Die Freiwillige und ich machen den Waffelteig und hören währenddessen meine Lieblings-CD. Die Freiwillige kennt jedes Lied auswendig und singt deshalb lauthals mit, wohingegen ich irgendetwas vor mich hinbrabbele (englische Texte zu verstehen ist ziemlich schwierig). Danach gehe ich zu einem Treffen, währenddessen geht die Freiwillige zu maman und kauft für sie ein. Zurück Zuhause gibt es bretonisches Mittagessen: Galettes und zum Nachtisch Crêpes, die allerdings nicht so gut schmecken. Erneut hören wir meine Lieblings-CD und es heißt KISSENSCHLACHT mit dem Song „Treasure“ im Hintergrund. Während ich wieder ein Treffen habe, geht die Freiwillige zu maman und lässt sich mit einer Sauna verwöhnen. Mit verschwitzten Haaren kommt sie nach Hause und es geht gleich weiter zu dem Bauernhof meiner Freundin. Dort führen wir (wohl eher ich, denn ich bin immer schneller als meine Freundin) sie herum und spielen anschließend „Littelest Petshop“ – Barbie, Polly, Lego, Playmobil und Co. Sind out, die kleinen Tierchen mit den unglaublich riesigen Köpfen, die man um 360° drehen kann, sind doch viel schöner und gaaarnicht gruslig. Leider geht’s schon wieder nach Hause und die Müdigkeit übermannt die Freiwillige und mich. Gemeinsam gammeln wir auf dem Sofa herum und warten auf meine Freundin, die von heute auf morgen bei mir übernachtet – ihr Vater bringt die Freiwillige dann nach Hause und wir verabschieden uns mit Küssen und Umarmungen.
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Ich wurde am Wochenende wirklich zurück ins Jahr 2006 geschleudert, als ich 9 Jahre alt war. Jaja, die Zeiten haben sich geändert: Die Kindersendungen werden immer komischer, genauso wie die Spielzeuge. Doch die Naturverbundenheit bleibt, obwohl das Mädchen ein eigenes Tablet hat. Ich fand es schön, einen Einblick in ihren Alltag zu bekommen, obwohl es ziemlich anstrengend war, die ganze Zeit auf Französisch zu denken und sprechen.
Anfang der Woche ging unser Heizöl leer, sodass wir kalt duschen mussten – ich habe noch nie so wenig Zeit gebraucht, um in die Dusche rein- und wieder herauszuhüpfen! Zum Glück haben wir nun wieder Heizöl und keiner erfriert mehr unter der Dusche. Zwar springt unsere Stromsicherung seit neustem immer mal wieder raus und da der Sicherheitskasten außerhalb des Hauses ist, versuchen wir, Stromausfälle zu vermeiden – im Winter werden wir wohl oder übel ohne Strom leben, da niemand in die Kälte raus will ;)
Am Sonntag habe ich eine kleine Fahrradtour gemacht und erneut festgestellt, dass Rennes wunderschön und sehr vielfältig ist! Ich kann es nur noch mal wiederholen: Ich fühle mich suuuuper wohl hier!!!

Sonntag, 4. Oktober 2015

~10~ Aufgschdanda wird!

Biep, biep, biepTAC

Biep, biep, biepTAC

Biep, biep, biep – Heute verstehe ich, wieso die Kinder sich immer von einem wegdrehen, wenn man sie nach der Sieste wecken will. Der Unterschied: bei ihnen ist es 15h45, bei mir 05h.

Bevor ich die Chance ergreife, meinen Wecker ein drittes Mal auf Snooze zu stellen, schalte ich meine Nachttischlampe an und strampele meine flauschige Decke weg – Aufgschdanda wird! Mit einem grumpy cat – Gesicht stapfe ich die Treppe zur Küche runter und schalte den Wasserkocher an. Einige Minuten später erscheint Steffi mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen sowie dem Spruch: „Wenn um 05 Uhr das Licht in der Küche brennt, kann es nur Eva sein.“ Heute gehen wir nach Saint-Malo und ratet mal, wer die wahnsinnig kluge Idee hatte, den ersten Zug zu nehmen, um am Strand den Sonnenaufgang zu genießen…Mit leichter Verzögerung und Gepäck (wieso habe ich meinen Schlafsack mitgenommen?) laufen wir zur Métro – die Fahrräder lassen wir in der Garage, nachdem meins am Donnerstag vor der Métrostation gestohlen wurde. Einige Zeit später erreichen wir den Bahnhof, kaufen unsere Tickets und setzen uns in den Zug. Nach einem Power Nap haben wir unser Ziel bereits erreicht und stehen am Bahnhof von Saint-Malo. Pain au chocolat und Croissaint einkaufen und los geht’s – wir suchen den Strand. Dort angekommen flippen wir erst mal aus – WIR SIND AM MEER! Der Strand scheint endlos, da Ebbe ist. Wir promenieren uns am Strand entlang, machen 24570 Bilder, schmeißen uns gelegentlich den Satz „Ich kann nicht glauben, dass wir am Meer sind!“ entgegen und sammeln Muscheln. 

Muschelnsammeln
Startpunkt: Turm der Kathedrale (Zentral im Hintergrund)

Nach einiger Zeit wird uns klar, dass wir den Sonnenaufgang nicht sehen werden, da der Strand in nördlicher Richtung liegt – Gfrüschdigd (Gefrühstückt) wird allerdings trotzdem am Meer.

Fast-Sonnenaufgang am Strand von Saint-Malo

Pain au chocolat + Eva & Croissant + Steffi

Da die Flut langsam aber sicher zurückkehrt, legen wir unseren Spaziergang fort und klettern an der Bucht entlang, um an der Spitze anzukommen. Der Ausblick ist unglaublich; erneut folgt ein „Krass, wir sind echt am Meer.“. Es ist halb 10 in Frankreich – zwar haben wir kein Knoppers dabei, dafür aber eine Thermoskanne Tee, deren Inhalt nun mit dem Blick aufs Meer und unseren Startpunkt genossen wird. Wir klettern weiter herum und dieses Bild entsteht:

Anti-Touri-Ort I / Zwischenstopp an der Spitze

Laut knurren unsere Mägen und wir machen uns auf den Weg zur Innenstadt. Unserer Rückweg wird uns durch das Meer (inzwischen ist der endlose Strand verschwunden, nur eine kleine Fläche bleibt), sodass wir durch die Siedlungen Saint-Malos trappen. Nach einer gefühlten Ewigkeit (5 km am Strand fühlen sich kürzer an als wenn man an der Straße entlang läuft) halten wir Baguette und Käse in der Hand – an der Promenade genießen wir unser französisches Mittagessen, danach geht’s auf zu Intra Muros, der Altstadt Saint-Malos, welche im Zweiten Weltkrieg zu 80% zerstört und danach im alten Stil wieder aufgebaut wurde. Dort laufen wir auf der Mauer (ein Schrittzähler wäre an diesem Tag wirklich cool gewesen!) und gönnen uns eine chocolat chaud in einem Café. Während es vormittags bewölkt und angenehm kühl war, scheint nun die Sonne und es ist zu warm, um im Zwiebellook (Strumpfhose, Socken, Hose, Top, Hemd, Cardigan, Winterjacke, Stirnband) rumzulaufen.


Spaziergang auf der Intra Muros

Inzwischen ist es 15 Uhr und wir gehen wieder an den Stand; erneut ist Ebbe - das Wasser verschwindet, die Menschen kommen. Nun wird das Chateau von Saint-Malo besichtigt bzw. die Insel, da das Chateau nur zur Hochsaison seine Tore für die Besucher öffnet. Auf der Insel snacken wir Brownies und Schokocrêpes und fühlen uns erneut französisch.


Blick von der Intra Muros. Links im Hintergrund das Chateau

Chateau von Saint-Malo

Anti-Touri-Ort II / Snacking

Zum Ausklang des Tages sitzen wir wieder am Strand und versuchen, die schreienden Kinder zu ignorieren; am Wochenende brauchen wir Abstand von unserer Arbeit. So langsam ist es Zeit zu gehen, denn der letzte Zug nach Rennes fährt bereits um 19h55. Wir genießen den letzten Blick auf das Meer und brechen auf. Im Zug werden wir uns unserer schmerzenden Füße und schweren Augenlider bewusst und es folgt ein Power Nap. Zuhause angekommen snacken wir noch gemütlich und ziehen das Fazit: 7,50€ und eine dreiviertelstündige Fahrt bis ans Meer sind eigentlich zu schön um wahr zu sein. Wir hatten einen wunderschönen Tag, führten tolle Gespräche, erkundigten gemeinsam Anti-Touristen-Orte, haben insgesamt 175 Bilder aufgenommen und haben endlich wieder etwas erlebt.

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Da Lise übers Wochenende in Deutschland war, da ihre Oma 80 Jahre alt geworden ist, erlebten Steffi und ich Saint-Malo zu zweit. Saint-Malo ist auf jeden Fall sehenswert, vor allem, wenn man kein bestimmtes Ziel hat, sondern einfach losläuft.Die Woche war normal anstrengend – ein kleiner Höhepunkt war das Radiologie-Ergebnis, dass ich endlich wieder gesund bin!